GRIN - Segregationsprozesse als Ursache von ungleichen Bildungschancen. Mögliche Ansätze zur Behebung von Bildungsbenachteiligung (2022)


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Segregation
2.1 Soziale Segregation
2.2 Ethnische Segregation

3. Segregationsprozesse im Bildungsbereich
3.1 Segregierte Schulen
3.2 Einfluss der Segregation auf ungleiche Bildungschancen

4. Ausblick: Ansätze der Behebung von Bildungsbenachteiligung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aktuell beobachtet man in Deutschland größer werdende soziale Ungleichheiten, die sich auch im Bildungsbereich auswirken. Soziale Ungerechtigkeit und ungleiche Bildungschancen werden im Zusammenhang mit der sozialen Herkunft der Familien und deren Kindern gesehen und kritisiert. Es stellt sich die Frage, inwieweit soziale und ethnische Segregationsprozesse sich auf den Bildungsbereich auswirken und welche Folgen dies haben kann.

Um dieser Frage nachzugehen, sollen zunächst die Begrifflichkeiten der Segregation und ihrer Prozesse in den Städten erläutert werden. Vor diesem Hintergrund werden die Einflüsse der Segregationsprozesse auf den Bildungsbereich analysiert, und es wird geklärt, wie es dadurch auch zu Segregation an Schulen kommt. Das Bestehen der ungleichen Bildungschancen wird im Anschluss daran noch einmal genauer aufgegriffen, da sie als Resultat dieser Prozesse gesehen werden.

Die Bildungsbenachteiligung bestimmter sozialer Gruppen steht im starken Kontrast zum Bildungsauftrag, der Chancengleichheit und Integration aller Schülerinnen und Schüler fordert. Ich möchte in meinen Ausführungen den Fragen nachgehen, ob es Ansätze, die zu mehr Chancengleichheit und Integration führen, gibt und ob Maßnahmen existieren, die gegen Bildungsbenachteiligung bestimmter Schülergruppen ergriffen werden können.

2. Der Begriff der Segregation

Zunächst möchte ich erläutern, was unter dem Begriff der Segregation zu verstehen ist, welche verschiedenen Erscheinungsformen es gibt und wie sie zusammenwirken.

Der Begriff der Segregation entstammt der Stadtsoziologie. Häußermann und Siebel (2004) beschreiben Segregation als eine „Konzentration bestimmter sozialer Gruppen auf bestimmte Teilräume einer Stadt oder Stadtregion“ (Häußermann & Siebel, 2004, S.140). Verschiedene sozialräumliche Strukturen entstehen durch komplexe Prozesse. Im Laufe der Zeit verteilen sich Bevölkerungsgruppen verschiedener sozialer Schichten nicht gleichmäßig über die Wohngebiete der Städte, sie ordnen sich einem Quartier zu oder werden diesen zugewiesen. Ausdrücke wie wohlhabende und arme Wohngebiete oder Arbeiterviertel unterstreichen die Annahme, dass Segregationsprozesse dadurch die soziale Distanz in der räumlichen Distanz widerspiegeln (ebd., S.139-140). Somit bringt die sozialräumliche Struktur einer Stadt zum Ausdruck, welche Sozial- und Machtstrukturen in einer Stadt herrschen. Sie trägt zu einer ungleichen Verteilung von Lebenschancen bei, da diese häufig vom Wohnstandort beeinflusst werden. Häußermann und Siebel (2004) deklarieren diese räumliche Segregation als Risiko, soziale Ungleichheiten zu festigen oder sogar noch zu verschärfen. Schon immer waren Städte Räume, in denen „soziale und symbolische Konflikte“ (Häußermann & Siebel, 2004, S.139) ausgetragen wurden, da dort verschiedenste Klassen oder Schichten, vielfältige Lebensstile und unterschiedliche ethnische Gruppierungen ihren Platz finden müssen.

Durch ökonomische Zwänge und Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe entstehen in Städten benachteiligte Quartiere, in denen sich vor allem Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende, Migranten und kinderreiche Familien konzentrieren (vgl. Karasek, 2011, S.223). Die Kombination aus prekären Arbeitsverhältnissen, einkommensschwachen Haushalten und einem sozial schwächeren Milieu verursacht negative Sozialisationseffekte bei der Bewohnerschaft. Mit dieser sozialen Dimension gehen auch materielle, symbolische und politische Differenzierungen einher. Die Infrastruktur (materiell) scheint in solchen Vierteln mangelhaft, eine gegenseitige Stigmatisierung (symbolisch) findet zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsschichten statt, ebenso scheint die Repräsentation der Interessen der benachteiligten Viertel in der Stadtpolitik (politisch) zu gering (ebd., S.224). Die Sparpolitik der Städte wirkt sich oft zum Nachteil der sowieso schon benachteiligten Quartiere und deren Bewohnerschaft aus (vgl. Bruhns & Mack, 2001, S.21). Daher wird in der Fachliteratur oft auch von benachteiligten oder sogar benachteiligenden Quartieren, Problemvierteln und von sozialen Brennpunkten gesprochen. Um zu klären, in wieweit sich Segregationsprozesse auf Bildungschancen auswirken, soll in den beiden folgenden Kapiteln zunächst geklärt werden, inwieweit soziale und ethnische Segregationsprozesse dazu beitragen, dass die Wohnumgebung zu einer Benachteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner werden kann und durch welche Faktoren sie zustande kommen (vgl. Karasek, 2011, S.223).

Obwohl sich die Aspekte sozialer und ethnischer Segregation in vielen Punkten überlagern, sollten sie zunächst getrennt voneinander betrachtet werden, da ihre Ursachen unterschiedlicher Herkunft sind. Diese Überlagerungen kommen dadurch zustande, dass Migranten durch ihre häufig ökonomisch schlechtere Situation überdurchschnittlich oft in benachteiligten Stadtvierteln leben und sich so Merkmale der sozialen und ethnischen Segregation überschneiden. Auch die Folgewirkungen der beiden Erscheinungsformen sollten zunächst differenziert dargestellt werden (vgl. Häußermann & Siebel, 2004, S.151).

2.1 Soziale Segregation

Die soziale Segregation beschreibt Prozesse, die auf ökonomische Ungleichverteilung und soziale Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft zurückgehen (vgl. Häußermann & Siebel, 2004, S.151). Das Phänomen der sozialen Segregation reicht in der Geschichte schon weit zurück. Schon seit Jahrhunderten waren Städte in wohlhabende Wohngebiete und in Gebiete, in denen die ärmere Bevölkerung untergebracht war, unterteilt. Schon vor Beginn der Industrialisierung bestand zwischen Lebenschancen und Wohnstandort ein enger Zusammenhang. Die soziale Segregation ist in hierarchisch gegliederten oder ständisch organisierten Gesellschaften auch heute noch üblich. In Gesellschaften, die nach dem Ideal der Offenheit und Gleichheit streben, wird soziale Segregation zum Problem (ebd., S.149- 153).

In Deutschland stellen soziale Segregationsprozesse vor allem eine Folge der Deindustrialisierung der Städte in den siebziger Jahren dar. Arbeitsplatzverluste vor allem bei Geringqualifizierten führten zu einer zunehmenden Aufteilung der Wohngebiete nach Einkommen und sozialer Lage. Durch Kürzungen der Ausgaben im Sozialbereich stieg die Konzentration von einkommensschwachen Haushalten in bestimmten Vierteln aufgrund der ungleichen Verteilung des Wohnungsangebots in den Städten stark an (vgl. Baur, 2013, S.22). Die Akteure wie Grundeigentümer, Wohnungspolitiker, Wohnungsbauträger oder auch Vermieter und Makler tragen in unterschiedlicher Weise auch heute noch zu der ungleichen Verteilung im Raum bei (vgl. Häußermann & Siebel, 2004, S.155-157). Dies macht deutlich, dass die Gliederung eines sozialen Raums vor allem von gesellschaftlichen Strukturprinzipien abhängig ist und die Wertvorstellungen einer jeden Gesellschaft sich in dieser Differenzierung wiederfinden (ebd., S.153). Die Ursache für soziale Segregationsprozesse lediglich bei den Akteuren der Wohnungspolitik zu suchen, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Ebenso schaffen die Bewohner selbst Mechanismen der Entmischung der Bevölkerung. Der Wunsch nach sozialer Homogenität ist weit verbreitet, sowohl auf Seiten der sozial besser gestellten Bewohner wie auf Seiten der sozial schwächeren Schichten, getreu dem Motto „gleich und gleich gesellt sich gern“. Doch was bedeuten soziale oder auch residentielle Segregationsprozesse für die Bewohner der Quartiere, und wie äußern sie sich? Schon seit der sozialökologischen Stadtforschung des 20.Jahrhhundert existiert die These, dass räumliche Konstellationen und soziale Effekte in einem engen Zusammenhang stehen (ebd., S.163). Quartiere, in denen Bürger der sozial schwächeren Schichten leben, also vor allem einkommensschwache Haushalte mit niedrigerem Bildungsstand und prekären Arbeitsverhältnissen, sind häufig gekennzeichnet von großen Wohnblöcken mit Sozialwohnungen, die oft auch eine mindere Bausubstanz aufweisen. Die Wohnortwahl hängt in erster Linie von finanziellen Ressourcen und dem entsprechend eingeschränkten Mobilitätsspielraum ab, dies führt für sozial schwächere Haushalte meist zu einer erzwungenen sozialen Segregation (vgl. Baur, 2013, S.22). Dadurch spricht man auch von „urbanen Exklusionsbereichen“ (Hohm, 2003, S.37). Diese zeichnen sich dadurch aus, dass eine wachsende Minderheit der Bewohnerschaft besonders in Großstädten und Metropolen vom umfassenden nahräumigen Funktionssystemen der modernen Gesellschaft ausgeschlossen wird (ebd., S.37). Die geringe räumliche Mobilität führt zudem dazu, dass die Bewohner eines Quartiers sich vor allem auf Außenräume und Binnenräume ihres Wohnviertels beschränken und sich so zusätzlich selbst ausgrenzen (ebd., S.41). Wenn kaum soziale Interaktionen stattfinden und somit soziale Erfahrungen und Austauschmöglichkeiten sehr limitiert sind, besteht das Risiko, dass das betroffene Viertel zu einem benachteiligten Quartier wird (vgl. Häußermann & Siebel, 2004, S. 166). Doch wann spricht man von sozial benachteiligten Quartieren? Soziale Segregation spiegelt sich nicht nur in der Nachbarschaft wider, sondern äußert sich auch in Schule und Peer-Groups. Kinder und Jugendliche brauchen Sozialisationsinstanzen, wenn es darum geht, auf ein chancenreiches Leben in und mit der Gesellschaft vorzubereitet zu werden. Man spricht also von sozial benachteiligten Milieus, wenn dort ein Lebens- und Lernumfeld geschaffen wird, dass für die dort lebenden Kinder und Jugendlichen sowohl in Freizeit als auch Schule eine Chancenungleichheit schafft (ebd., S.166).

Fehlende Rollenbilder in einem Viertel, in dem Arbeitslosigkeit, Kleinkriminalität und schwierige Familienverhältnisse den Alltag bestimmen, geben den Kindern und Jugendlichen zudem selten Hoffnung, sich selbst neue Lebensverhältnisse schaffen zu können. Sie geraten in eine Art Sozialisationssog, der ein Entkommen aus dem benachteiligenden Milieu immer unwahrscheinlicher macht (ebd., S.170). „Durch den kollektiven Abstieg und durch die selektive Mobilität entsteht ein Milieu der Armut und Ausgrenzung“ (Häußermann & Siebel, 2004, S.160), vor allem für die jüngeren Generationen. Eine Übernahme von Verhaltenszuschreibungen und Stigmatisierung führen immer mehr zur gegenseitigen Abgrenzung (vgl. Keim & Neef, 2000, S.266). Somit wandern Haushalte, die erwerbstätig und sozial besser integriert sind, in sozial gesichertere Viertel ab, immer mehr Zuwanderer und Nichterwerbstätige ziehen in die benachteiligten Quartiere. Wie die Folgewirkungen für die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen in solchen Milieus aussehen, wird in Kapitel 3 weiter ausgeführt.

2.2 Ethnische Segregation

Auch ethnische Merkmale spielen bei der sozialräumlichen Differenzierung einer Stadt eine bedeutende Rolle. Der wachsende Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund macht sich in den deutschen Städten auch durch residentielle Segregationsprozesse bemerkbar. Vor allem seit dem Anwerbeabkommen für Gastarbeiter seit Anfang der sechziger Jahre manifestiert sich eine wachsende ethnische Segregation. Dies hat mehrere Gründe. Den Gastarbeitern wurde zunächst ein befristeter Aufenthalt gewährt, sie konnten in Deutschland Geld verdienen und für ein besseres Leben in der Heimat ansparen. Durch die absehbare Verbleibdauer war ihr Interesse an guten Wohnungen und hohen Mietpreisen gering (vgl. Häußermann & Siebel, 2004, S.174). Doch dann nahm der Rückkehrwille wegen guter Lebensverhältnisse ab, und die Familien zogen aus den Heimatländern nach. Die Gastarbeiter verblieben mit ihren Angehörigen in benachteiligten Quartieren, die zunächst nur als Übergangslösung gedacht und dementsprechend sanierungsbedürftig und städtebaulich unattraktiv waren. Somit entwickelte sich in diesen Vierteln aus einer reinen Arbeitsbevölkerung eine dauerhaft ansässige Wohnbevölkerung (ebd., S.175). Ein weiterer Faktor verschärft die Prozesse der ethnischen Segregation: die übliche Vorgehensweise der Wohnungsvergabe, die Häußermann und Siebel (2004) auch in diesem Zusammenhang als „selektive Wohnungsvergabe“ bezeichnen. Migranten werden häufig zu derjenigen Mietergruppe gezählt, denen von Anfang an störende Verhaltensweisen, unsachgerechter Umgang mit der Wohnung und unstete Mietzahlungen nachgesagt werden. Somit findet eine Diskriminierung durch die Vorbehalte und Vorurteile der Vermieter statt, Migranten haben dadurch eine beschränkte Wohnungswahl (ebd., S.173). Zu der ungleichen Verteilung tragen zusätzlich eigene Präferenzen der ausländischen Gruppen bei, denn häufig wünschen sich Zuwanderer ein Zusammenleben mit ihresgleichen (ebd., S.173). Eine Entmischung der Bevölkerungsgruppen hat viele negative Folgen, denn der Konflikt der sozialen Benachteiligung verschärft sich in Überlagerung mit ethnischer Segregation (vgl. Baur, 2013, S.19). Durch die schweren wirtschaftlichen Einbußen nach der Ölkrise Anfang der siebziger Jahre verschlechterte sich die soziale Situation dramatisch, hohe Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse waren die Folge. Vor allem in den Wohngebieten mit hohem Anteil verschiedener ethnischer Gruppen verfestigte sich die Armutslage, was einmal mehr die Korrelation von ethnischer und sozialer Segregation zeigt (ebd., S. 23).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Segregationsprozesse als Ursache von ungleichen Bildungschancen. Mögliche Ansätze zur Behebung von Bildungsbenachteiligung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V354653
ISBN (eBook)
9783668406988
ISBN (Buch)
9783668406995
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsbenachteiligung, Bildungschancen, Segregation
Preis (Ebook)
13.99
Preis (Book)
17.95
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Segregationsprozesse als Ursache von ungleichen Bildungschancen. Mögliche Ansätze zur Behebung von Bildungsbenachteiligung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354653

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